Konstanter Fortschritt
Von Roland S. Süssmann
Offiziellen Angaben zufolge erfreut sich die Wirtschaft Israels bester Gesundheit, obwohl der Rest der Welt in der Krise steckt. Dr. AWRAHAM BEN-BASSAT, Generaldirektor für die Bereiche Forschung und Ausland der Bank of Israel, hat uns ein Interview gewährt, in dessen Verlauf er die wirtschaftlichen Gegebenheiten des Landes analysierte.


Beurteilen Sie die wirtschaftliche Situation als positiv, stabil und vielversprechend ?

Zum besseren Verständnis der israelischen Wirtschaft erweist es sich als notwendig, einige wichtige Tatsachen in Erinnerung zu rufen. Zunächst hat das Land seit 1990 eine Einwanderungswelle von fast einer halben Million Menschen erlebt. Zweitens darf man nicht ausser acht lassen, dass das 1985 eingeführte bekannte Stabilisierungsprogramm, das eine Reihe von Restrukturierungsplänen und wirtschaftlichen Reformen beinhaltete, immer noch in Kraft ist. Ausserdem hat der Friedensprozess eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Sanierung unserer Wirtschaft gespielt. Der wirtschaftliche Aufschwung ist beachtlich und liegt bei 5-6% pro Jahr; die Handelstätigkeit allein liegt im Schnitt um 1% über der wirtschaftlichen Evolution im allgemeinen.


Können Sie uns genauer über die Art und Weise informieren, in der diese drei Faktoren die israelische Wirtschaft beeinflusst haben ?

Ich werde dabei chronologisch vorgehen und mit dem 1985 eingeführten Stabilisierungsprogramm beginnen. Bis zu diesem Zeitpunkt litt die Wirtschaft des Landes unter der galoppierenden Inflation, einem riesigen Zahlungsbilanzdefizit und anderem mehr. 1985 schlug die Regierung mit ihren wirtschaftlichen Massnahmen einen radikal neuen Kurs ein, der dazu führte, dass das Budgetdefizit sozusagen beseitigt und zahlreiche Reformen zur Belebung des Wettbewerbs beschlossen wurden; ein Geldmarkt wurde geschaffen, die Devisenbewirtschaftung und das Telekommunikationswesen liberalisiert. Wir haben die Wirtschaft ebenfalls dem internationalen Handel zugänglich gemacht, indem einige Hindernisse abgeschafft, Zollgebühren gesenkt wurden usw. Diese Massnahmen werden auch heute weitergeführt. Zu dieser Palette von Reformschritten kamen später die Immigration und der Friedensprozess, und diese beiden Faktoren haben zur Steigerung der Nachfrage beigetragen, was automatisch einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung nach sich zog. Einerseits wurde die Wirtschaft leistungsfähiger, andererseits nahm auch die Nachfrage zu.
Zu Beginn stellten wir uns die ernsthafte Frage, ob die Einwanderungsbewegung als Faktor zur Ankurbelung der Wirtschaft nicht zeitlich beschränkt sein würde. Nach ihrer Ankunft standen die Neuankömmlinge ohne alles da, sie brauchten neue Häuser, Kleider und vieles mehr. Natürlich wurde die Wirtschaft durch die Bautätigkeit und den damit verbundenen Industriesektor stimuliert. Doch nach 1992 wurde uns bewusst, dass dieser Trend sich fortsetzte und dass die Dynamik der wirtschaftlichen Tätigkeit keine Gefahr lief irgendwann aufzuhören. Der Export hatte die Binnennachfrage ersetzt; 1992 erhöhten sich unsere Exportleistungen um 14%, 1993 um fast 13%, und die Prognosen für 1994 rechnen mit 9%, während der weltweite Handel in derselben Zeitspanne um höchstens 4% zunahm.


Welches sind die Auswirkungen des "Friedensprozesses" auf die Wirtschaft im allgemeinen und auf die Exporte im besonderen ?

Dank der Madrider Konferenz haben wir Zugang zu einer Reihe von Märkten erlangt, die uns zuvor verschlossen oder nur schwer zugänglich waren. Ich denke dabei an Japan, das seine Handelsbeziehungen zu Israel zunächst nur zögernd entwickelte. Dasselbe gilt für mehrere andere Länder in Osteuropa, Afrika und im Fernen Osten, insbesondere Indien und China. Im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Annahme liegen die erfreulichsten Konsequenzen des Friedensprozesses für die Wirtschaft nicht bei eventuellen Exporten in arabische Länder, sondern in der Erschliessung viel wichtigerer Märkte, in die wir heute Waren ausführen. Durch die weitere Steigerung unserer Leistungsfähigkeit und durch die Möglichkeit, noch mehr neue Absatzmärkte zu erschliessen, werden unsere Exportleistungen in den kommenden Jahren in der Grössenordnung von je 8-9% ansteigen.


Die Inflation liegt immer noch bei 11%. Verkörpert dies Ihrer Ansicht nach kein Hindernis ?

Bis ins Jahr 1995 machten wir eine Hyperinflation durch, die ca. 400% pro Jahr erreichte. 1995 ist es uns gelungen, sie drastisch zu senken (auf 18%). Dieser Wert wurde bis 1992 beibehalten und in diesem Jahr auf 10% reduziert. Das Ergebnis von 11% des Jahres 1993, das auch 1994 erzielt wird, ist daher nicht als Tragödie zu werten. Wir bemühen uns um eine weitere Senkung dieser Zahlen, wobei das angestrebte Ziel bei 3-4% pro Jahr liegt. Die grundlegenden Elemente der israelischen Wirtschaft dürfen daher als gesund bezeichnet werden, vor allem wenn man bedenkt, dass die Einwanderung in das wirtschaftliche Geschehen integriert wird. Die neue Arbeitnehmermasse stellte über 10% der arbeitenden Bevölkerung unseres Landes dar, d.h. ca. 200'000 Menschen, von denen heute 16% arbeitslos sind (die gegenwärtige Arbeitslosigkeitsrate Israels liegt bei 8,2%). Seit 1989 ist die Bevölkerung Israels um 20% angestiegen, was auf die Vereinigten Staaten übertragen bedeuten würde, dass die amerikanische Bevölkerung von 250 auf 300 Millionen angewachsen ist; die USA hätten somit die Einwohnerschaft Frankreichs integriert !


Vor kurzem hat Yossi Beilin, der stellvertretende Aussenminister Israels mit der Bemerkung Aufsehen erregt, dass Organisationen wie UJA, Keren Hajessod und die israelischen Staatsanleihen, mit denen Mittel für Israel zusammengetragen werden, aufgehoben werden müssten. Besitzen diese Kollekten aus rein wirtschaftlicher Sicht heute noch eine Daseinsberechtigung oder sind sie sinnlos geworden ?

Die Staatsanleihen können nicht als ein Geschenk an unsere Wirtschaft bezeichnet werden, da wir sehr hohe Zinsen auszahlen. Meiner Ansicht nach dürfen der emotionale Aspekt und die enge Beziehung zwischen Diaspora und Israel, die durch diese Art von "fund raising" entstehen, weder vernachlässigt noch verleugnet werden. Ich glaube nicht, dass der Faktor "Emotion" und der Faktor "Wirtschaft" voneinander losgelöst betrachtet werden können, denn wenn die Bande, die auf diese Weise zwischen der Diaspora und Israel geknüpft werden, nicht mehr existieren, könnten sie hinterher nur schwer oder überhaupt nicht wieder hergestellt werden. Vom ausschliesslich ökonomischen Standpunkt aus kennt die israelische Wirtschaft keinerlei Mühe, die Finanzierung von Investitionen in Israel zu günstigen Zinssätzen zu erhalten. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass unsere Wirtschaft gesund ist und keine hohen Risiken aufweist. Darüber hinaus können wir auf die berühmte Defizitgarantie der amerikanischen Regierung zurückgreifen, die uns in den kommenden fünf Jahren erlaubt, bis zu zehn Milliarden US-Dollar als Anleihe aufzunehmen. Der israelischen Wirtschaft stehen bedeutende Finanzierungsquellen zur Verfügung. Sollten wir beschliessen, im Rahmen der Diaspora Mittel zu beschaffen, müssten wir keine höheren Zinsen zahlen als auf den anderen Finanzmärkten. Wir könnten demnach sehr wohl ohne diese Anleihen und Kollekten funktionieren, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass jeder Jude persönlich selbst entscheiden sollte, in welcher Weise er seine Solidarität mit Israel zum Ausdruck bringen möchte. Fällt seine Wahl auf die Wirtschaft und die Finanzen, sollte Israel ihm keinesfalls höhere Zinsen bieten als der übrige Geldmarkt.


Trotz der positiven wirtschaftlichen Entwicklung, von der Sie uns berichten, und obwohl Israel den Investoren enorme Regierungszuschüsse anbietet, fehlt es an interessierten Anlegern. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären ?

Es stellt einen gravierenden Irrtum dar, den Investoren finanzielle Vorteile und staatliche Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Wir lassen den ausländischen Gesellschaften, die in Israel investieren, bedeutende finanzielle Mittel zukommen (in bestimmten Fällen bis zu 38% des Gesamtbetrages). Bis heute erweisen sich die aus dem Ausland stammenden Investitionen als sehr niedrig im Vergleich zu den Beträgen, die in Israel investiert werden. Dies liegt bestimmt an der geopolitischen Situation des Landes, am arabischen Boykott und an weiteren objektiven Faktoren. Nur die erfolgreiche Durchführung des Friedensprozesses wird die Investoren nach Israel bringen. Noch höhere staatliche Zuschüsse würden die Entscheidung einer Gesellschaft betreffend eine Investition in Israel auch nicht stärker beeinflussen. Entscheidend sind dabei in erster Linie die hohe Wettbewerbsfähigkeit in Israel, die Inflationsrate, die Liberalisierung der Devisenbewirtschaftung, des Geldmarktes usw. Ernsthafte Investoren suchen nach einer gesunden Wirtschaft, in der sie einträgliche Geschäfte tätigen können; die paar Dollar staatlicher Unterstützung sind dabei nicht ausschlaggebend. Immer mehr internationale Unternehmen interessieren sich heute für Israel, informieren sich über das Land und die Möglichkeiten, sich hier niederzulassen oder hier zu investieren. Dieser Vorgang ist zugleich langwierig und kompliziert. Der Friedensprozess scheint dazu geführt zu haben, dass der arabische Boykott weniger streng gehandhabt wird, was sich letztendlich positiv auf die Investitionstätigkeit in Israel auswirken wird.