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Inhaltsangabe Schicksal Herbst 2005 - Tischri 5766

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Von Auschwitz Nach Urdorf

Von Roland S. Süssmann
Seit Urzeiten bilden Mensch und Pferd ein gutes Gespann. Aber wie steht es um Juden und Pferde? In der Bibel wird König Salomon kritisiert, denn gemäss den göttlichen Geboten, die er fröhlich missachtete, durfte er nicht zu viele Frauen und Pferde haben. Was erstere betrifft, so hatte er 700 Prinzessinnen als Hauptfrauen und 300 Nebenfrauen (1. Könige 11,1). Was die Pferde angeht, so erfahren wir im Rahmen des Berichts über den Besuch der Königin von Saba in Jerusalem, dass König Salomon «viertausend Pferde und Wagen und zwölftausend Reiter» besass (2. Chronik 9,25).
Die Familie Weiss, die in Urdorf im Kanton Zürich in der Schweiz lebt, besitzt bestimmt keine tausend Pferde, blickt aber auf eine langjährige, tiefe und erfolgreiche Beziehung zu jenen Tieren zurück, auf deren Rücken das Glück der Erde liegt, wie der Volksmund sagt.
Doch wer ist nun diese ganz besondere Familie, die meine Neugier derart gekitzelt hat, dass ich darum bat, ihren Hof namens «Stall Beliar» in Urdorf besuchen zu dürfen? Das Anwesen liegt neun Minuten Zugfahrt vom Stadtzentrum von Zürich entfernt und ist von einmaliger Schönheit; die Luft ist sauber und den Besucher umgibt eine Atmosphäre von ansteckender Gelassenheit.
Die Vorfahren der Familie Weiss stammen aus der Slowakei und sind seit sieben Generationen Pferdehändler, Züchter und Trainer tätig. Adolf Herbert Weiss war der letzte, der diesen Beruf noch in der Slowakei ausübte und sich dann 1968 nach dem Prager Frühling in der Schweiz niederliess. Leider starb Herr Weiss zwei Monate vor meinem Besuch, doch ich wurde von seinen Söhnen Richard und Miro sowie von seiner Frau Anna, die aus Litauen stammt und drei Jahre in Auschwitz interniert war, mit grosser Herzlichkeit empfangen.
So entdeckte ich auf dem Hof Beliar, innerhalb eines idyllischen Rahmens, mit steigender Verblüffung die aussergewöhnliche Geschichte dieser Familie, die mir von Richard Weiss in ihren grossen Zügen erzählt wurde.

Wir werden gleich von Ihrem Beruf sprechen, der, wie einige meinen, «nichts für Juden ist». Könnten Sie mir vorher aber kurz Ihre Familiengeschichte zusammenfassen?

Mein Vater wurde 1921 in Böhmen in einer assimilierte jüdischen Familie hineingeboren, absolvierte aber seine Schulzeit in einer jüdischen Schule, in welcher der Unterricht in deutscher Sprache stattfand. Seine Eltern waren Richard und Marvine Weiss-Weiss. Meine Mutter Anna erblickte das Licht der Welt in Troc in Litauen; sie war die Tochter einer Familie von Schneidern. Mein Ururgrossvater war Pferdehändler für die 17. Armee und am Hof von Maria Theresia (1717-1780). Mein Grossvater wiederum begann seine geschäftliche Tätigkeit mit dem Verkauf von Arbeits- und Kutschenpferden und wandte sich erst später dem Handel mit Kavalleriepferden zu. Mein Vater wurde 1942 nach Auschwitz in ein Zwangsarbeitslager deportiert, wo es ihm gelang, drei endlose Jahre lang zu überleben, nachdem er eine gewisse Zeit in einem der drei slowakischen Arbeitslager verbracht hatte. Unser Vater hat immer gesagt: «Wie habe ich das überlebt? Ich habe Glück gehabt und befand mich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort». Am ersten Tag nach seiner Deportation ins Lager erhielt er seine magere Essensration in einer schmutzigen Essschale. Er beklagte sich darüber bei einem anwesenden SS-Mann und musste als Antwort eine schallende Ohrfeige einstecken. Er pflegte zu sagen, diese Ohrfeige habe ihm mehrmals das Leben, gerettet denn sie diente ihm als Wecker. Die Illusion die er beim Ankommen in Auschwitz hatte es handle sich dabei «nur um ein bisschen arbeiten - und ein bisschen schwitzen» war somit definitiv vorbei. Ein anderes Beispiels zeigt, wie viel Glück im Unglück er eigentlich gehabt hat. Irgendwann hatten die Deutschen ein kleines Ausbildungszentrum für Maurer eröffnet, und eines Tages verkündete ein Wärter, man brauche zehn Männer, um eine besondere Arbeit auszuführen. Er bestimmte zehn Freiwillige, doch einer von ihnen wurde von Panik ergriffen und stolperte. Der Deutsche beschied, man wolle sich nicht mit Unfähigen belasten, und befahl Adolf Herbert Weiss, seinen Platz einzunehmen. Am selben Tag beschloss ein anderer Nazi, das Lager habe keinen Bedarf an neuen Maurern mehr und liess alle Gefangenen dieser Baracke vergasen. Weiss war gerettet. Er arbeitete im Krematorium, wo die vergasten Juden verbrannt wurden. Da die Öfen nicht schnell genug funktionieren konnten, dienten die Leichen manchmal als Sitzgelegenheit für ihn und seinen Mithäftlingen um rohe Kartoffeln zu essen. Während der zweiten Hälfte seiner Schreckenszeit hatte er einem Österreicher in den SS-Diensten kennen gelernt, der seltsamerweise beschlossen hatte, ihm zu helfen, was ihm ebenfalls das Überleben erleichterte. Und schliesslich traf er auf Handwerker aus der Stadt Auschwitz, die im Lager arbeiteten und täglich auf Pferdewagen anreisten. Sehr schnell fand man sich sympathisch, und sie willigten ein, ihm als Gegenleistung für einige Ratschläge betreffend ihre Pferde regelmässig Brot zuzustecken. Es gibt zahlreiche Anekdoten dieser Art. Ende 1944, lernte Adolf Weiss im Lager diejenige kennen, die später seine Frau und unsere Mutter werden sollte, nämlich Anna Konsky (Kon heisst lustigerweise auf slowakisch Pferd). Doch auch ein Nazi hatte sich in sie verliebt, und da er spürte, wie sich das Kriegsglück wandte, schickte er meinen Vater im März 1945 aus dem Lager. Beim Fortgehen sagte mein Vater zu ihm: «Ich werde zurückkommen, Anna holen und dich töten» (was er schlussendlich nicht getan hat). Er kehrte tatsächlich nach Auschwitz zurück, schlich sich mit der Hilfe seiner ehemaligen Mithäftlinge ins Lager, nachdem er den Stacheldraht zerschnitten hatte, und als Tausende zu flüchten begannen, gelang es ihm, meine Mutter zu finden. Während dieses ganzen Abenteuers war Zoly Schapira an seiner Seite. Von dort aus reiste er mit Anna in die Tschechoslowakei, wo sie heirateten. Natürlich war alles Hab und Gut einschliesslich aller Pferde, die er vor dem Krieg besessen hatte, gestohlen worden und er musste sich von Grund auf eine neue Existenz aufbauen. Es verstand sich von selbst, dass er wieder mit dem Pferdehandel begann, der bis 1948 ganz gut lief, bis er von den Kommunisten verstaatlicht wurde. Man machte ihn zum «Direktor» - in Wirklichkeit zu einem Staatsangestellten - seines eigenen Unternehmens mit Pferden, das ihm nun nicht mehr gehörte. Die damalige Tschechoslowakei betrieb einen regen Handel mit den westlichen Ländern, und zahlreiche Schweizer, Deutsche und Holländer kamen und kauften hier Pferde. Da mein Vater fliessend Deutsch sprach, wurde er zum offiziellen Verbindungsmann für alle diese Transaktionen. Natürlich waren diese Geschäfte mit den üblichen kommunistischen Schwierigkeiten verbunden. Er wurde auch einmal im Jahr 1956 während 3 Monaten inhaftiert. Diese Beziehungen zum Ausland erwiesen sich als äusserst nützlich, als sich die gesamte Familie 1968 in der Schweiz niederliess und mein Vater einmal mehr gezwungen war, wieder bei Null anzufangen.

Sie wurden nach dem Krieg geboren. Haben Sie eine jüdische Erziehung erhalten?

Eigentlich nicht. Wir wussten nur, dass wir es vermeiden sollten, unsere jüdische Identität zu erwähnen. Der einzige Ort, an dem darüber gesprochen wurde, dass wir Juden sind, war eigentlich die Schule, wo unsere Mitschüler uns mit antisemitischen Sprüchen hänselten. Mein Vater ist immer Jude geblieben, und als man ihn fragte, weshalb er nicht seinen Namen ändere, antwortete er: «Alle wissen, dass ich Jude bin, ist es wirklich nötig, dass ich es unter einem anderen Namen bin?». Ich persönlich kam im Alter von 20 Jahren in die Schweiz, und weil ich in der Tschechoslowakei die Hotelfachschule besucht hatte, konnte ich während zwei Jahren in diesem Fach in Zürich arbeiten. Bevor er emigrierte, hat mein Bruder Miro zwei Jahre lang Veterinärmedizin studiert. Als Vater aber im Jahr 1970 Hilfe brauchte, stiegen mein Bruder und ich ins Geschäft ein. Zu Beginn besassen wir nur ein einziges Pferd. 1970 haben wir eine Reitschule mit mehreren Pferden eröffnet. Wir hatten selber nur geringe finanzielle Mittel, doch ein Freund der Familie, Edgar Mannheimer aus Zürich, hat uns moralisch und finanziell unterstützt. Er fühlte sich moralisch dazu verpflichtet, weil mein Onkel Hans Weiss, der Zahntechniker war und nach dem Krieg nicht mehr arbeiten konnte (der mit uns in die Schweiz emigriert war) seinem eigenen Bruder Max während dessen Gefangenschaft in Auschwitz sehr geholfen hatte. Aus Dankbarkeit tat er also alles, um uns den Aufbau eines neuen Lebens mit einer Tätigkeit in unserem Bereich zu ermöglichen. Sein ganzes Leben lang hatten wir freundschaftlichen und regen Kontakt mit ihm und seiner Familie. Wir verdanken ihm unendlich viel.

Sie haben mit einem Pferd angefangen. Wie viele sind es denn heute?

Unser Pferd damals hiess Martel, heute besitzen wir einige junge Pferde, welche wir in der Ausbildung und im Training bei uns haben. Für 40 Kunden betreuen wir heute rund 50 Pferde in der Schweiz und 30 im Ausland. Als wir unsere Reitschule eröffneten, hatten wir einen kleinen Stall gemietet und besassen nur das eine Pferd, dann wurden es vier Pferde, dann acht usw. Es reichte uns zum Leben und zum Bezahlen der täglichen Ausgaben. Allmählich und parallel dazu begannen wir wieder mit dem Pferdehandel, insbesondere mit Pferden für Springturniere. Miro war auf nationaler Ebene sehr erfolgreich. Er gewann mehrere Springkonkurrenzen, gleichzeitig widmete er sich als Jockey dem Rennsport. Wir handelten auch mit Sport und Rennpferden, was damals in der Slowakei unsere Spezialität gewesen war. Wenn Miro an Reitturnieren teilnahm, war ich für die Vorbereitung und das Reiten der Pferde zuständig. Mit der Zeit konzentrierten wir uns auf den Rennsport. Heute ist unser Unternehmen die erfolgreichste Trainingsstätte im Pferderennsport der Schweiz. Mein Bruder Miro trainiert zusammen mit acht Mitarbeitern gegenwärtig rund fünfzig Pferde, sowohl bewährte Cracks als auch junge Hoffnungen. Wir besitzen eine 1400 m lange Trainingsbahn mit festen Hindernissen und unternehmen auch tägliche Ausritte zur Entspannung in den Wald. Seit sieben Jahren sind wir der erfolgreichste Stall der Schweiz. 2004 wurde mein Bruder zum achten Mal in der Folge zum Trainerchampion.

Ihr Unternehmen besteht in erster Linie aus dem Handel, d.h. dem Kauf und Verkauf von Pferden. Wie und warum haben Sie sich dem Training zugewandt?

Miro hat eine Aktivität wieder aufgenommen, die unser Vater aufgegeben hatte. Wir kauften also Pferde, die wir trainierten und mit Erfolg an Rennen teilnehmen liessen. Heute tun wir dies für zahlreiche private Rennpferdebesitzer, die sich dieses Hobby leisten können. Wir kaufen in erster Linie in Irland, Deutschland, Russland, Tschechien und in der Slowakei ein. Unsere Kundschaft stammt meist aus der Schweiz, zum Teil aus dem Ausland.

In diesem Moment klingelt das Handy von Richard Weiss. Er entschuldigt sich und nimmt ab. Einige Minuten später beendet er das Gespräch, strahlt und sagt: «Ich habe soeben für einen Kunden eine Auktion gewonnen. Es geht um den Kauf eines Jährlings in Deauville». Er hat das Pferd gekauft, ohne es je gesehen zu haben, nur auf der Grundlage einer Beschreibung und der Empfehlungen seiner Gewährsleute vor Ort.

Haben Sie den Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft behalten und schliessen Sie auch in Israel Geschäfte ab?

Ich führe kein jüdisches Leben und habe keinen Kontakt zur jüdischen Gemeinde. Meine Frau Julia ist Kubanerin, mein Sohn heisst Ricardo-Aron und meine Tochter Lynn-Naomi. Ich möchte, dass sie in ihrem Herzen etwas für die Juden und die jüdische Sache im Allgemeinen empfinden. In ihrer Identität sind sie einfach Schweizer. Wir sind stolz darauf, Juden zu sein und haben gute Kontakte zu individuellen Freunden. Für Juden haben wir trotz allem in der Schweiz eher eine ungewöhnliche Beschäftigung, doch man muss auch wissen, dass sich in Frankreich sehr viele Juden mit dem Rennsport beschäftigen. Ich war in Israel, wo auch ein Teil unserer Familie lebt, doch der Reitsport im Allgemeinen steht noch in Entwicklung.

Ein berühmter Film mit Robert Redfort trägt den Titel «Der Pferdeflüsterer». Liegt das Geheimnis für den Erfolg der Familie Weiss nicht vielleicht in der Tatsache, dass Sie Ihren Pferden jiddische Worte ins Ohr flüstern?

Nein, aber ich kann schon behaupten, dass unser Erfolg darauf zurückzuführen ist, das wir immer das Beste anstreben sowie ständig den Wunsch hegen, eine Pferdelänge Vorsprung zu haben, das zu tun, was andere nicht tun, das wahrzunehmen, was unsere Konkurrenz gar nicht bemerkt und, vor allem, den Mut zu Neuem zu haben.

Woher kommt der Name Beliar?

Beliar war ein Pferd, das mein Vater in der Tschechoslowakei von einem Staatsgestüt kaufte, das nicht an das Potenzial und die Zukunft des Tieres glaubte. Mein Vater begriff, dass dies nicht der Wirklichkeit entsprach. Er erwarb das Pferd zu einem Spottpreis, weil sein Besitzer eigentlich froh war, es loszuwerden. Mein Vater trainierte Beliar zu grossen Erfolgen.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Unternehmens?

Im Moment haben wir grosse Erfolge. Unser Unternehmen erzielt die besten Resultate in der ganzen Schweiz und wir haben eine ausgezeichnete Kundschaft. Wir bilden Lehrlinge aus. Ob meine Kinder langfristig wirklich daran interessiert sein werden, das Geschäft weiterzuführen (ich wünsche mir das), das einen gewissen Reiz für Pferde und einen täglichen Einsatz rund um die Uhr verlangt, weiss ich heute nicht. Sehen Sie, die Welt des Pferdes ist eine Leidenschaft, gepaart mit Faszination, und unsere Familie besitzt eine grosse Erfahrung und eine langjährige Tradition auf diesem Gebiet. Heute geniessen wir den Erfolg und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Wenn ich mir den Weg anschaue, was unsere Familie zurückgelegt hat, alles was wir aus dem Nichts geschaffen haben und das tägliche Glück welches mir meine Frau und meiner Kinder geben, habe ich allen Grund optimistisch zu sein. Abschliessend möchte ich hier betonen, dass ich überzeugt bin, dass die Entscheidung meines Vaters das Heimatland zu verlassen seine beste Tat für unsere Familie war.


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