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Inhaltsangabe Slowakei Herbst 2005 - Tischri 5766

Editorial
    • Editorial - Oktober 2005 [pdf]

Rosch Haschanah 5766
    • Die Kraft des Gebets [pdf]
    • Solidarität und Erlösung [pdf]

Politique
    • Ein riskantes Vorhaben [pdf]

Interview
    • Quo Vadis Israel? [pdf]
    • Sensibilität und Entschlossenheit [pdf]
    • Neue Herausforderungen [pdf]

Kunst und Kultur
    • Das Palmach-Museum [pdf]

Analyse
    • Antisemitismus und Alternative Geschichte [pdf]
    • Alter Wein in neuen Schläuchen [pdf]

Reportage
    • Das Vidal Sassoon Center [pdf]
    • Menschenhandel und Schwarzarbeit [pdf]

Profil
    • Präzision und Flexibilität [pdf]

Porträt
    • Der Wein der Liebe [pdf]

Slowakei
    • Jerusalem und Bratislava [pdf]
    • Weitsicht und Sinn für Pragmatik [pdf]
    • Zidovska Nabozenska [pdf]
    • Vermitteln Zum Überleben [pdf]
    • Der «Plan Europa» [pdf]
    • Tradition und Kulturerbe [pdf]
    • Der Jüdische Widerstand [pdf]

Schicksal
    • Von Auschwitz Nach Urdorf [pdf]

Forschung und Wissenschaft
    • Schöne Silhouette! [pdf]
    • Kürbis und Kürbisarten! [pdf]

Ethik und Judentum
    • Gebet und Eingriff [pdf]

Das gute Gedächtnis
    • Die Ereignisse des Monats Oktober [pdf]

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Zidovska Nabozenska

Von Roland S. Süssmann
In ganz Europa gibt es Länder, die zwar flächenmässig klein sind, aber auf eine unglaubliche jüdische Vergangenheit zurückblicken. So gelangt man bei einer Reise durch Litauen oder Weissrussland an Hunderte von Orten, die alle bedeutende Zentren des jüdischen Lebens darstellten und eine Jeschiwah besassen, aus der herausragende Rabbiner hervorgingen. Dies gilt auch für die Slowakei, wo heute nur noch eine kleine Gemeinschaft mit rund 3'000 Juden existiert, wo das Judentum aber eine äusserst glorreiche Vergangenheit erlebte.
Es ist hier nicht der Ort, um einen historischen Abriss über die Juden in der Slowakei zu verfassen. Es soll aber auf bestimmte Fakten hingewiesen werden. Gewisse Dokumente belegen, dass die Juden bereits zur Zeit der Römer und Kelten in der Slowakei ansässig waren. Im Laufe der Jahrhunderte erlitten die jüdischen Gemeinden der Slowakei dasselbe Schicksal wie diejenigen in Europa, wobei es je nach Entwicklung der politischen Situation zu Phasen der Ruhe oder aber zu schwierigen Epochen kam. Es ist interessant zu erfahren, dass die Juden im 18. Jahrhundert vor allem in zwei kleinen Provinzen im Osten und im Westen des Landes lebten, da ihnen die Bergbauregionen im Norden verboten waren.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte die jüdische Bevölkerung der Slowakei sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf geistlicher und kultureller Ebene einen immensen Aufschwung. Das Land gehörte damals zu Ungarn, wo man 83'000 Juden zählte, von denen die Hälfte in der Slowakei wohnten. 1820 gab es über hundert etablierte Gemeinden mit guter Infrastruktur. Die Zunahme der jüdischen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer finanziellen Situation bewirkten dann eine Intensivierung des religiösen Lebens der Juden. In der Slowakei existierten sieben grosse Jeschiwoth, die von berühmten Rabbinern geleitet wurden. Die bedeutendste war die Jeschiwah von Pressburg unter der Leitung ihres Gründers, des berühmten Chatam Sofer (Rabbiner Mosche Sofer), dessen Schriften im Bereich der jüdischen Gesetzgebung heute noch massgebend sind. 1840 verabschiedete das ungarische Parlament eine ganze Reihe von Gesetzen, die den Juden mehr Freiheiten gewährten, insbesondere in Bezug auf die Wirtschaft und die freie Wahl des Wohnortes. Zahlreiche Juden der Slowakei liessen sich daraufhin überall im Land nieder, auch im Norden. Diese neue Verteilung der jüdischen Bevölkerung bewirkte allmählich die Abwanderung aus den grossen Zentren und die Schaffung neuer jüdischer Siedlungen in der Slowakei. Zwischen 1848 und 1849, d.h. während des Aufstands der Ungarn gegen Österreich, auch «Frühling der Nationen» genannt, waren die Lebensbedingungen für Juden nicht immer angenehm. Infolge der Plünderung zahlreicher Häuser und Institutionen wurden viele kleinere Ortschaften wieder verlassen. Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die Lage stabilisiert hatte, zählte das Land 116 bedeutende jüdische Gemeinden, 200 Rabbiner, darunter auch diejenigen, die in kleinen Gemeinden wohnten, und mehrere Dutzend Jeschiwoth. Es versteht sich von selbst, dass das jüdische Leben in der Slowakei eng mit den Ereignissen in Ungarn verknüpft war. Als sich die jüdischen Gemeinden Ungarns in drei Gruppen aufspalteten, orthodox, neologisch und Status quo ante (siehe SHALOM Vol. 42), wurde diese Aufteilung auch vom slowakischen Judentum übernommen. 1920 gab es 27 jüdische Primar- und 2 Sekundarschulen in der Slowakei, die allerdings nur von 45% der Kinder besucht wurden. Parallel zu den Schulen existierte eine Fülle von orthodoxen Lehranstalten (Cheder für die Knaben und Beth Jakov für die Mädchen) und im Jahr 1930 wurden vom Erziehungsministerium vier Jeschiwoth als höhere Lehranstalten anerkannt. In der Zwischenkriegszeit lebten ca. 140'000 Juden in der Slowakei, verstreut auf 2'335 Ortschaften, wobei nur 18% in den grossen Städten wohnten. 1938 wurde ein grosser Teil des slowakischen Südens an Ungarn angeschlossen, so dass die 45'000 dort lebenden Juden unter ungarische Herrschaft kamen.
Die Geschichte des slowakischen Judentums während der Schoah ist sehr kompliziert, doch bestimmte wichtige Punkte sind es wert, erwähnt zu werden. Bei Kriegsbeginn zählte die Slowakei rund 100'000 Juden. Am 14. März 1939 entstand in der Slowakei eine Art deutsches Protektorat und es wurden unverzüglich judenfeindliche Gesetze eingeführt und Enteignungen ausgesprochen. Im September 1941 verabschiedete man den « jüdischen Kodex». Diese Zusammenstellung von Gesetzen stellte in Wirklichkeit die letzte Etappe vor dem Beginn der Deportationen dar, die später vom Parlament legalisiert wurden. Im Rahmen dieses Gesetzes wurden die Juden auch gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Die ersten Deportationen fanden 1942 statt: zwischen dem 25. März und dem 20. Oktober transportierten 57 Züge fast 59'000 Menschen in die Todeslager. Gleichzeitig entkamen 19'000 Juden der Deportation, weil sie als «nützlich» galten. Diese Auswahl geschah aufgrund der verschiedenen Berufskategorien. Ausserdem wurden 3'500 Juden, darunter auch ganze Familien, in Novaky, Vyhne und Sered in Arbeitslager interniert. Knapp 10'000 Juden gelang es, nach Ungarn zu fliehen, wo sie zunächst vor einer Deportation in Sicherheit waren. Man geht im Allgemeinen davon aus, dass mit den Juden, die aus der Slowakei deportiert wurden, und denjenigen, die dies von Ungarn aus erfuhren, sozusagen 70% der vor dem Krieg dort ansässigen jüdischen Bevölkerung während der Schoah umkamen, insgesamt ungefähr 70'000 Menschen. Nach dem Krieg hatten in der Slowakei ca. 30'000 Juden überlebt. Trotz eines im Grunde ziemlich judenfeindlichen Klimas entwickelten die slowakischen Juden beim Aufbau eines neuen Lebens sehr viel Energie. So entstanden in fast 120 Ortschaften neue Gemeinden. Die politischen Veränderungen in der Tschechoslowakei und die Gründung des Staates Israel bewegten 11'000 von ihnen, das Land zu verlassen. Mit der Zeit wurden die Gemeinden kleiner oder verschwanden ganz. Nach den Ereignissen von 1968 und trotz einer Verbesserung der Situation der Juden seit dem Zusammenbruch des Kommunismus leben heute nur noch knapp 3'000 Juden in der Slowakei, verteilt auf 11 Gemeinden, wobei die grössten sich in Bratislava und Kosice befinden.
Wir haben Dr. PETER SALNER, den Präsidenten der Gemeinde, gebeten, uns in einer Art Momentaufnahme das jüdische Leben im heutigen Bratislava zu beschreiben.


Können Sie uns einen kurzen Überblick über das jüdische Leben in der Slowakei von heute geben?

Damit Sie besser verstehen, was heute in der Slowakei geschieht, muss ich Ihnen erklären, wie unsere Gemeinde funktioniert. Wir sind zwar nicht zahlreich, stehen aber dennoch vor allen klassischen Problemen einer grossen Gemeinde. Wir versuchen für verschiedene Alters und Interessengruppen Raum zu bilden. Unsere Aktivitäten sind nach Altersgruppen geordnet und in so genannte «Clubs» unterteilt, diese wiederum in Interessensgebiete. So haben wir für unsere Senioren einen Club der Überlebenden und einen anderen für damals untergetauchte Kinder, der sehr aktiv ist. Wir führen ein Angebot für die berufstätige Generation, die wir für das Gemeindeleben zu interessieren versuchen. Und schliesslich besitzen wir auch ein kleines Zentrum für unsere Kinder zwischen 7 und 15 Jahren. Alle diese Angebote umfassen aktive oder passive Tätigkeiten. Für die älteren Menschen z.B. führen wir drei Mal pro Woche ein so genanntes Tagessanatorium mit Handarbeits- und Bastelprogramme, usw. durch. Wir holen sie zu Hause ab und fahren sie auch wieder heim. Einmal wöchentlich, am Dienstag, veranstalten wir ein informelles Kaffeehaustreffen, an der die Holocaustüberlebenden einfach teilnehmen, um sich zu treffen, Erinnerungen auszutauschen, kurz, der Einsamkeit zu entfliehen. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Geburtstage der verschiedenen Teilnehmer gefeiert, fast wöchentlich finden Feste zu einem 80. oder höheren Geburtstag statt. Daneben stellen wir ihnen auch einen medizinischen Betreuungsdienst zur Verfügung. Der jüngeren Generation hingegen bieten wir regelmässig Vorträge und kulturelle Veranstaltungen an, die immer von einem aufmerksamen Publikum besucht werden. Zwei Mal pro Jahr besteht an einem Seminar mit dem Titel «Das Judentum bei unseren Nachbarn» die Gelegenheit, die Gemeinden in den angrenzenden Ländern kennen zu lernen.

Wie spielt sich das religiöse Leben ab?

Dieser Bereich ist etwas problematisch, denn es interessieren sich, ehrlich gesagt, nur wenige Leute dafür. Die Gottesdienste finden vier Mal pro Woche statt, am Montag, Donnerstag und an Schabbat. Jedes Mal besteht die Schwierigkeit darin, einen Minjan (erforderliche Anzahl von zehn Männern für das gemeinsame Gebet) zusammenzubringen, und in der Woche gelingt es uns oft nicht, mehr als acht oder neun Personen zu versammeln. Der Grund für das allgemeine Desinteresse rührt insbesondere von der Tatsache her, dass die meisten unserer Mitglieder Überlebende sind, die aufgrund ihrer Deportation denken, dass die Ausübung ihrer Religion sinnlos geworden ist. Zudem haben sie ihre Kinder unter dem kommunistischen Regime erzogen und ihnen daher vermittelt: «Wir sind zwar Juden, aber nicht fromm». So kommt es, dass viel mehr Menschen an den Gemeindeaktivitäten teilnehmen als an den Gottesdiensten. Trotz allem suchen an den hohen Feiertagen von Rosch Haschanah und Jom Kippur sehr viele, nämlich rund 250, noch die Synagoge auf.

Wer kann denn Mitglied der Gemeinde werden?

Seit ungefähr drei Jahren haben wir eine neue Regel eingeführt: einer der beiden Elternteile muss Jude sein. Dieser Beschluss ist uns nicht leicht gefallen, er ist das Ergebnis einer fast vierjährigen Gedankenarbeit und wurde anlässlich einer zu diesem Zweck einberufenen Generalversammlung verabschiedet. Heute beobachten wir ein recht merkwürdiges Phänomen - die nichtjüdischen Mitglieder, die ca. 10% der Gemeinde ausmachen, sind durchschnittlich oft jünger und bei den Aktivitäten stark vertreten. Sie verkörpern wirklich einen Gewinn für das Gemeindeleben. In Bratislava zählen wir rund 600 Mitglieder und in der gesamten Slowakei vielleicht 3000 Juden, die in den Registern der Gemeinden eingetragen sind. Ich bin jedoch der Ansicht, dass hier sicher 10'000 bis 12'000 Menschen leben müssen, die gemäss dem Gesetz über die Rückkehr nach Israel Juden sind. Für uns gelten aber nur diejenigen als Juden, die bewusst dazu stehen. Jeder, der bei uns vorspricht und bestätigt, dass er sich als Jude empfindet und dessen Vater oder Mutter authentische Juden sind, kann als vollwertiges Mitglied unserer Gemeinde akzeptiert werden. Für das Wohl unserer Gemeinschaft ist es viel wichtiger, Menschen dieser Art aufzunehmen, die den echten Wunsch hegen, der Gemeinde anzugehören, als Personen, die aus juristischer Sicht authentisch jüdisch sind, denen dies aber völlig gleichgültig ist.
Auf religiöser Ebene besitzen wir dank Rabbi Baruch Myers eine streng koschere Kantine, die ebenfalls für die Mahlzeiten unseres Altersheimes zuständig ist. Im Moment haben wir keine jüdische Schule. Wir organisieren eine Reihe von religiösen Veranstaltungen, die auch die Dimension eines gesellschaftlichen Ereignisses aufweisen. Ich denke da insbesondere an die zwei Sedarim, an denen jeweils 60 bis 70 Gläubige teilnehmen. Auch der Rabbiner hält in seinem Chabad Zentrum Sedarim ab und lädt zahlreiche Menschen dazu ein. Am Lag Baomer veranstalten wir einen Empfang, zu dem fast 200 Menschen kommen. Was heute noch fehlt, ist die jüdische Erziehung in den Familien, von einfachen Traditionen bis hin zum Erwerb von fundiertem Wissen in Bezug auf Judentum und hebräische Sprache.

Sie nehmen in Ihre Gemeinde auch Menschen als vollwertige Mitglieder auf, bei denen nur der Vater Jude ist, so dass Sie in Wirklichkeit Personen zu Ihren Gläubigen zählen, die überhaupt keine Juden sind. Was geschieht denn nun, wenn ein solcher Herr am Schabbat in der Synagoge erscheint und darum bittet, zur Torah gerufen zu werden?

Unsere Gottesdienste werden nach orthodoxem Ritus durchgeführt, und ein solcher Mann gilt als passiver Gast und kann demnach nicht zur Torah gerufen werden oder den Gottesdienst leiten.

Wie sehen Sie die Entwicklung des jüdischen Lebens in Ihrer Gemeinschaft?

Die Leute fühlen sich weder von den Gottesdiensten angezogen, die sie nicht verstehen, noch von den religiösen Riten, deren Bedeutung ihnen nicht klar ist. Und doch werden alle Veranstaltungen, an denen wir unter uns sind, sehr geschätzt. Folglich kommt man logischerweise zum Schluss, dass wir immer mehr auf ein Judentum zugehen, das in seiner geselligen und nicht in der religiösen Dimension gelebt wird. Ich bin recht optimistisch, was die Zukunft angeht. Auch wenn die junge Generation früher genötigt war, fort zu gehen, damit sie einer viel versprechenden Zukunft entgegensehen konnte, ist dies heute nicht mehr so. Zahlreiche junge Leute gehen natürlich für einige Jahre ins Ausland, doch viele kommen zurück. Ich glaube nicht, dass wir sie weiterhin ins Gemeindeleben integrieren können, wenn wir den Lebensstil der orthodoxen Juden beibehalten. Wir werden uns allmählich in eine Gemeinschaft verwandeln müssen, die auf ein eher intellektuelles und geselliges Judentum ausgerichtet ist. Dies hindert uns aber nicht daran, traditionalistisch zu bleiben und an bestimmten Riten festzuhalten. In diesem Sinne sollten das Interesse am Leben der Gemeinschaft und das Engagement für dieses Anliegen quantitativ und qualitativ wieder steigen.

Sie wuchsen als Jude in einem kommunistischen Regime auf. Welches ist der grösste Unterschied zwischen ihrem jüdischen Leben damals und heute?

Wir befinden uns in einer paradoxen Situation. Ich erinnere daran, dass im Jahr 1968 im Prager Frühling, nach der russischen Okkupation, fast die gesamte junge und mittlere Generation das Land verlassen haben. Geblieben sind nur die ganz Jungen und die sehr Alten. Es waren aber mehrere Menschen, die eine jüdische Erziehung genossen hatten und in der Lage waren, einen Gottesdienst abzuhalten, die Torah zu lesen oder eine Gemeinschaft zu leiten. Damals ging man davon aus, dass die Gemeinde bespitzelt wurde, d.h. dass sie der Kontrolle der Behörden unterstellt war. Der Antizionismus blühte. Offiziell durfte man nichts Negatives gegen die Juden sagen, nur gegen die Zionisten. Jede informelle oder unerlaubte jüdische Aktivität konnte aber, ohne weiteres, als «zionistisch» bezeichnet werden. Die Gottesdienste waren die einzigen jüdischen Handlungen. Es gab keine politische oder kulturelle jüdische Tätigkeit. Die Juden selbst wurden nicht behelligt, es gab offiziell eine gewisse Form der Glaubensfreiheit. Untersagt war allein jede Form der zionistischen Aktivität. Natürlich war es für die politische Polizei ein Leichtes zu entscheiden, was und wer sich des Zionismus schuldig machte und wer nicht. Dabei herrschte völlige Willkür. Die Folgen der damaligen Situation sind noch heute zu spüren. Die «alte» Generation, die Überlebenden der Schoah, ist heute sehr betagt und die meinige, d.h. ihre Kinder, hat keine jüdische Erziehung erhalten. Aus diesem Grund interessieren sich nur wenige Leute für ein frommes Leben oder schon nur für koschere Mahlzeiten. Darüber hinaus muss man wissen, dass wir von 1978 bis 1993 keinen Rabbiner hatten.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Antisemitismus in Bratislava?

In meinen Augen sind die Antisemiten in der Slowakei nicht sehr aktiv. Es gibt immer einige Individuen oder winzige Gruppierungen und mehrere Zeitungen, die judenfeindlich sind. Doch im Allgemeinen sind die Mitglieder des Parlaments und der Parteien, wie übrigens auch die Presse, nicht antisemitisch eingestellt. Es kommt ab und zu, wie überall, zu kleineren Vorfällen. Doch ich glaube, dass das, was in meiner Jugend zutraf, auch heute noch stimmt. Mein Vater war Präsident der Gemeinde und wir standen völlig offen zu unserem jüdischen Dasein. Daher wurden wir von unsern Nachbarn und Bekannten nicht belästigt. Dies gilt auch heute noch. Die Menschen, die ihre Herkunft verbergen und nicht stolz darauf sind, Juden zu sein, sind dem Antisemitismus viel stärker ausgesetzt als wir.

Wie ging die Rückerstattung der jüdischen Besitztümer vonstatten, die während der Schoah oder der kommunistischen Phase beschlagnahmt wurden?

Die meisten Immobilien, die sich vor dem Krieg in jüdischem Besitz befanden, wurden den Gemeinden zurückerstattet. Der private Besitz hingegen ist nie zurückgegeben worden? und die Häuser gehören heute der Stadt.

Dr. Peter Salner engagiert sich, wie wir sehen, mit Leib und Seele für die Anliegen seiner Gemeinschaft. Es stellt sich nun die Frage, ob es möglich ist, die Zukunft einer Gemeinschaft zu planen, indem man den Schwerpunkt auf die Geselligkeit legt und weniger auf die Verstärkung der Traditionen und die konkrete Ausübung der Religion. Das wird die Zukunft weisen.


Die Jugend
Die Generalsekretärin der Gemeinde, Beata Leichtova, ist auch für die Aktivitäten der Jugend zuständig. Leider ist der Verband der jüdischen Studenten, der noch vor einigen Jahren existierte, heute nicht mehr aktiv. Selbst wenn die Versammlungen früher in erster Linie dem geselligen Beisammensein dienten und weniger religiös oder zionistisch ausgerichtet waren, wurden sie am Freitagabend abgehalten, wo der Beginn des Schabbat durch das Anzünden der Kerzen begangen wurde. Dies ist heute nicht mehr der Fall. Da aber in Prag ein aktiverer Studentenverband besteht, nehmen die interessierten jüdischen Studierenden dort an Seminaren oder Begegnungen mit den Tschechen teil. Interessanterweise organisiert der Verband zwei Mal jährlich Ferienlager, deren eine Tätigkeit darin besteht, alte, verlassene jüdische Friedhöfe zu säubern. Für die Kinder und Jugendlichen bietet die Gemeinde eine Reihe von täglichen Aktivitäten an, die im Gemeindezentrum stattfinden. Das Programm ist sehr vielfältig und umfasst handwerkliches Arbeiten, kulturelle Veranstaltungen mit jüdischem Charakter, Sport usw. Ausserdem organisiert die Gemeinschaft Seminare und Ferienlager für Teenager. In diesem Jahr kamen in einem Lager Eltern und Kinder in einer jüdischen, entspannten Atmosphäre zusammen, wo jeder sich seinen Interessen entsprechend beschäftigen konnte. Es entstanden neue Freundschaften, alte wurden verstärkt. Darüber hinaus entwickelte sich ein spannender Dialog zwischen den Jugendlichen im Alter von 17-18 Jahren und den Erwachsenen. Zum Schluss sagt uns Beata Leichtova dies: «Alles in allem sind wir mit unseren Aktivitäten etwas eingeschränkt, doch wir bemühen uns nach Kräften, die Jugend anzuziehen und für die Gemeinschaft zu interessieren. Diese Seminare werden immer rege von Personen besucht, die in Wirklichkeit keinen oder nur sehr geringen Kontakt zum jüdischen Leben haben. Ich bin aber überzeugt, dass die Teilnehmer unserer Familientreffen hinterher mit dem Gefühl nach Hause gehen, ihre jüdische Identität verstärkt zu haben».


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