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Inhaltsangabe Profil Herbst 2005 - Tischri 5766

Editorial
    • Editorial - Oktober 2005 [pdf]

Rosch Haschanah 5766
    • Die Kraft des Gebets [pdf]
    • Solidarität und Erlösung [pdf]

Politique
    • Ein riskantes Vorhaben [pdf]

Interview
    • Quo Vadis Israel? [pdf]
    • Sensibilität und Entschlossenheit [pdf]
    • Neue Herausforderungen [pdf]

Kunst und Kultur
    • Das Palmach-Museum [pdf]

Analyse
    • Antisemitismus und Alternative Geschichte [pdf]
    • Alter Wein in neuen Schläuchen [pdf]

Reportage
    • Das Vidal Sassoon Center [pdf]
    • Menschenhandel und Schwarzarbeit [pdf]

Profil
    • Präzision und Flexibilität [pdf]

Porträt
    • Der Wein der Liebe [pdf]

Slowakei
    • Jerusalem und Bratislava [pdf]
    • Weitsicht und Sinn für Pragmatik [pdf]
    • Zidovska Nabozenska [pdf]
    • Vermitteln Zum Überleben [pdf]
    • Der «Plan Europa» [pdf]
    • Tradition und Kulturerbe [pdf]
    • Der Jüdische Widerstand [pdf]

Schicksal
    • Von Auschwitz Nach Urdorf [pdf]

Forschung und Wissenschaft
    • Schöne Silhouette! [pdf]
    • Kürbis und Kürbisarten! [pdf]

Ethik und Judentum
    • Gebet und Eingriff [pdf]

Das gute Gedächtnis
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Präzision und Flexibilität

Von Roland S. Süssmann
Als Samuel Schmid, der Bundespräsident der schweizerischen Eidgenossenschaft, im vergangenen März in Jerusalem eintraf, um an der Eröffnung des neuen Flügels im Museum von Yad Vaschem teilzunehmen, wurde er bei seiner Ankunft mit dem Wagen von Botschafter YITZHAK ELDAN begrüsst, dem Protokollchef des Aussenministeriums und des Staates Israel. Letzterer empfing den Bundespräsidenten mit dem Geständnis, er habe morgens ein Stück herrlicher Schweizer Schokolade genossen. Angesichts dieser weltbewegenden Information zog «unser Samuel National» unverzüglich eine Tafel Schokolade aus seinem Koffer und schenkte sie Eldan.
Mit dieser Art von authentischen und amüsanten Anekdoten lockert Yitzhak Eldan das Interview auf, das er uns gewährt hat, um über seine Funktionen und Zuständigkeiten zu sprechen. Nach einem Lizenziat in Politischen Wissenschaften und Geschichte war Y. Eldan in Houston, Paris, Montreal und Los Angeles tätig, bevor er israelischer Botschafter in Dänemark und anschliessend bei der Unesco und im Europarat wurde. Seit Dezember 2003 ist er nun Protokollchef des Aussenministeriums des Staates Israel und hat den Ethik-Kodex des diplomatischen Dienstes von Israel verfasst.

Wie definieren Sie Ihre Funktion?

Es handelt sich um eine abwechslungsreiche, aber auch komplizierte Tätigkeit, deren wesentliche Verhaltensregeln von einem Regierungsbeschluss vom 16. Januar 1983 festgelegt werden. In dieser Richtlinie heisst es, dass die Tätigkeit des Protokollchefs eng mit derjenigen der interministeriellen Kommission für Zeremonien und Symbole verknüpft ist, die den Kalender und die Art der staatlichen Zeremonien plant, die im Laufe des Jahres und in gewissen Fällen in den nächsten vier Jahren stattfinden müssen. In Israel sind die meisten offiziellen Zeremonien im Grunde Erinnerungsfeiern an die Schoah oder an Ereignisse, die sich vor der Staatsgründung abgespielt haben, sowie moderne Gedenkfeiern, wie wir sie nennen, mit denen historischer Fakten in Bezug auf die Armee oder die Opfer des Terrorismus gedacht wird. Im Jahr 2005 z.B. wird das Hauptereignis der 10. Jahrestag der Ermordung von Itzhak Rabin sein, der auf den 14. November 2005 fällt. Zu diesem Anlass ist eine Reihe von Staatszeremonien vorgesehen, für welche die Einladungen im letzten Juli an Staatschefs, Premierminister usw. verschickt wurden. Wie jedes Jahr wird die Feier im Friedhof auf dem Herzl-Berg einem unveränderten Ritual folgen, anschliessend findet eine Sondersitzung der Knesset und ein offizielles Dinner anlässlich der Eröffnung des Zentrums Rabin in Tel Aviv statt. Alle diese Würdenträger werden selbstverständlich vom Premierminister oder vom Präsidenten empfangen, während die Organisation dieser Begegnungen unsere Aufgabe ist.
Der Protokollchef ist zuständig für die Organisation und die Koordination aller offiziellen Zeremonien, an denen die Würdenträger anderer Staaten anwesend sind, wie beispielsweise Staatschefs, Premierminister, Aussenminister und andere Minister. Dazu gehören sowohl in Israel stattfindende offizielle Besuche als auch die Reisen des Staatspräsidenten, Premierministers und Aussenministers ins Ausland. Ausserdem berät unser Büro die anderen Ministerien in Bezug auf das Protokoll, obwohl einige von ihnen einen eigenen protokollarischen Dienst besitzen. Ich muss ebenfalls die Beziehungen zu den Sondermissionen der internationalen Organisationen koordinieren, die unser Land aufsuchen. Eine meiner Hauptaufgaben besteht aber darin, dem in Israel stationierten diplomatischen Korps zur Seite zu stehen, was zusammen mit den Familien der Abgesandten insgesamt 8'000 Menschen ausmacht. Dazu muss man wissen, dass ich auch für alle Fragen zuständig bin, die mit dem zufrieden stellenden Ablauf des Lebens der hier stationierten Diplomaten, ihren Sonderprivilegien bezüglich der diplomatischen Immunität usw. zusammenhängen. Gleich nach ihrer Ankunft informiere ich sie kurz über die Zeremonie anlässlich der Überreichung ihres Akkreditivs an den Staatspräsidenten. Ich empfange ebenfalls die Botschafter, die ihre Amtszeit in Israel beenden; dies bedeutet eigentlich, dass ein Zusammentreffen mit dem Protokollchef ihre letzte offizielle Handlung darstellt. Zur Veranschaulichung meiner Worte möchte ich als Beispiel die Zeremonie bei der Überreichung des Akkreditivs eines neuen Botschafters bei unserem Präsidenten anführen. Es liegt ein genauer Zeitplan vor, jede Bewegung ist vorgegeben. Ich habe daher ein Fotoalbum angelegt, das ich den Botschaftern vorlege, damit sie wissen, wo sie bei der Ankunft in der Residenz des Präsidenten, beim Abspielen der Landeshymnen und vor den Fahnen zu stehen haben, und schliesslich von welchem Platz aus ihre Gattinnen den besten Blick auf die Zeremonie geniessen.

Woran denken Sie genau, wenn Sie vom zufrieden stellenden Ablauf des Lebens der Diplomaten sprechen?

Es kann vorkommen, dass ein Dieb in die Residenz eines Diplomaten eindringt und etwas entwendet. Dann muss mein Dienst die notwendigen Schritte bei der Polizei und den Versicherungen unternehmen. Verstirbt ein Diplomat, müssen auch wir alle Vorkehrungen für die Heimführung der Leiche usw. treffen.

Kümmern Sie sich auch um die Organisation anlässlich von offiziellen Besuchen oder Arbeitsbesuchen von ausländischen Ministern oder obliegt dies den jeweiligen Botschaften?

Wenn ein solcher Besuch geplant war, sind wir für alles zuständig: Ankunft am Flughafen, roter Teppich, Empfangszeremonie (die je nach Art des Besuchs anders ausfällt), Flaggen, Motorradfahrer, Sicherheit, Staatsbankett und Sitzordnung der Personen an den offiziellen Tischen. Der letztgenannte Punkt erfordert viel Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick, Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr man auf - oft übertriebene - Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen muss. Das Protokoll ist eigentlich eine Gratwanderung, bei der die präzisen Vorschriften des Verhaltenskodexes manchmal im Widerspruch stehen zur Raffinesse, zur Sorge ums Detail und zum Umgang mit Unvorhergesehenem, um ein harmonisches Ereignis zu gestalten, an dem sich alle wohl fühlen.

Gibt es an Staatsbanketten ein Protokoll betreffend die Sitzordnung?

In Israel sieht die Rangordnung folgendermassen aus: die oberste Persönlichkeit des Staates ist der Präsident, an zweiter Stelle steht der Präsident der Knesset, der das Volk vertritt, gefolgt vom Premierminister, dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofes und den Oberrabbinern; erst dann kommen die verschiedenen Minister. Die grossen Ehrentafeln werden also von meinem Dienst organisiert, die anderen werden direkt von den diplomatischen Beratern der betreffenden Verwaltungen zugeordnet, von der Präsidentschaft, dem Büro des Premierministers usw. Alle diese Vorkehrungen finden gemäss der Wiener Konvention statt, die den diplomatischen und konsularischen Verhaltenskodex auf internationalem Niveau festlegt. Ich treffe übrigens mit jedem unserer Botschafter zusammen, der einen Posten im Ausland antritt, und erkläre ihm die Bedeutung des Protokolls, den Respekt vor nationalen Feiertagen, wie z.B. bei uns Jom Kippur, Jom Haatzmaut usw. Ein anderer Aspekt meiner Tätigkeit besteht darin, in den Botschaften an Empfängen zu Nationalfeiertagen teilzunehmen und einen Minister zu finden, der bei diesem Anlass den Staat vertritt und eine Rede hält. Ausserdem veranstalten wir für die Diplomaten gezielte Ausflüge, z.B. nach Gusch Katif, entlang des Sicherheitszauns und auf die Golanhöhen.

Was nun die Vertreter Israels im Ausland angeht: es kann doch vorkommen, dass sie in einen Konflikt zwischen den Forderungen des Protokolls und ihrer Religion geraten. Wie muss sich beispielsweise ein Botschafter verhalten, wenn am Tag von Jom Kippur eine Nationalfeier in einer Kirche stattfindet?

Bevor ich auf Ihre Frage eingehe, möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich im Aussenministerium die Einhaltung des Schabbats und der Feiertage eingeführt habe. Trifft also ein ausländischer Minister am Schabbat ein, holen wir ihn nicht ab und es findet auch kein Treffen statt. Wenn er an diesem Tag die Kirchen besuchen oder an den Strand gehen möchte, stellen wir ihm weder Wagen noch Sicherheitsdienst zur Verfügung. Darüber hinaus habe ich auch durchgesetzt, dass jedes offizielle Essen, zu dem ein Vertreter des Ministeriums einlädt, nur in einem koscheren Restaurant abgehalten werden kann. Und nun zu Ihrer Frage. Es handelt sich um einen Aspekt des Ethik-Kodexes, und gegenwärtig wird diese Art von Entscheidung dem Gutdünken jedes Botschafters überlassen. Wenn ich mich aber auf meine Erfahrung als Botschafter in Dänemark berufe, kann ich Ihnen sagen, dass ich jedes Mal, wenn ich meinen Gesprächspartnern erklärte, weshalb ich am Schabbat oder einem Feiertag an einer Veranstaltung nicht teilnehmen konnte, auf viel Verständnis und Aufmerksamkeit stiess. Doch die Dinge sind nicht immer so einfach. Als ich Israel in der Unesco vertrat und die wichtigsten Sitzungen, an denen Israel immer massiv und ungerechterweise angegriffen wurde, auf die Feiertage fielen, fühlte ich mich verpflichtet, mein Land zu vertreten. Für mich war es jedes Mal ein schweres Dilemma. Heute kann unser Ministerium unseren Diplomaten nichts aufzwingen, die, falls sie fromm sind, jemanden finden müssen, der sie vertritt, was nicht immer ohne weiteres geht.

Ich entdecke in Ihrer Bibliothek zwei Werke mit den sprechenden Titeln «Protokoll» und «Etikette». Gibt es eine «israelische Etikette»?

Ich glaube nicht, dass es wirklich eine israelische Etikette gibt. Die Verhaltensregeln sind in der gesamten diplomatischen Welt dieselben und es ist selbstverständlich, dass niemand mit einer roten Micky-Maus-Krawatte an einer offiziellen Zeremonie oder, noch schlimmer, an einer Beerdigung aufkreuzt. Jedes Land weist aber so seine Besonderheiten auf, das unsere beispielsweise die Einhaltung der Kaschruth, das Begehen der religiösen und israelischen Feiertage usw. Jeder offizielle Anlass ist automatisch koscher, und wir empfangen, wie gesagt, einerseits am Schabbat keine Besucher, vermeiden aber andererseits auch, dass am Samstagabend Besucher eintreffen, da dies Vorbereitungen während des Schabbats voraussetzen würde, was wir eben nicht wünschen.

Als Sie im Dezember 2003 Protokollchef wurden, besuchten nur wenige israelische Würdenträger Israel. Seither haben sich die Dinge grundlegend verändert und man erhält den Eindruck, dass Jerusalem zu einer obligatorischen Station, einem Muss für die führenden Politiker der ganzen Welt geworden ist. Wie erklären Sie diese Entwicklung?

Der Tod Arafats hat in Bezug auf offizielle Besuche in Israel eine neue Ausgangslage geschaffen. Man darf nicht vergessen, dass Israel sich auf höchster Ebene weigerte, Besucher zu empfangen, die Arafat getroffen hatten. Diese Politik hat sich für Israel sehr positiv ausgewirkt, auch wenn sie zu Beginn nicht unbedingt geschätzt wurde. Dann fand die Einweihung des neuen Flügels von Yad Vaschem statt, für die 41 ausländische Delegationen, darunter Staatsoberhäupter und Premierminister, nach Jerusalem reisten. Sie können sich ja vorstellen, wie viel Mehrarbeit unserem Dienst durch diese Besuche entstanden ist. Dazu kommt die Tatsache, dass die Zahl der bilateralen Besuche auf höchstem Niveau seit der Ankündigung des einseitigen Rückzugs aus Gaza in bedeutendem Ausmass angestiegen ist. Wir haben auf diese Weise Politiker empfangen, die noch vor kurzem zu den schärfsten Kritikern unseres Premierministers zählten. Doch meine Arbeit besteht nicht nur aus Strenge und Präzision. So schlug ich, als wir den Besuch des chinesischen Aussenministers vorbereiteten, dem Botschafter seines Landes vor, einen Pingpong-Match zwischen den beiden Ministern zu veranstalten, was China akzeptiert hat. Unser Minister wurde leider geschlagen. Zum Abschluss dieses Kapitels kann ich Ihnen anvertrauen, dass die Zahl der offiziellen Besuche zwar explodiert ist und dies natürlich sehr viel zusätzliche Arbeit für unseren Dienst mit sich bringt, denn es kann vorkommen, dass an gewissen Tagen vier Besucher zu empfangen sind; im Grunde stellt diese Aufgabe aber doch eine unerschöpfliche Quelle der Zufriedenheit dar.

Zum Schluss noch eine Frage nach Ihrer persönlichen Meinung. In Ihrer Jugend gehörten Sie der Jury bei einem Schönheitswettbewerb an. Man kann Sie also als Experten auf diesem Gebiet bezeichnen. Welche Note auf einer Skala von 0 bis 10 würden Sie Condoleeza Rice geben?

Ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie einen Diplomaten in Verlegenheit zu bringen versuchen! Aber ich werde Ihre Frage beantworten. In einer Welt, in der nichts vollkommen ist, würde ich trotzdem dazu neigen, ihr eine 10 zu geben. Da ich aber keine Probleme mit meiner Frau kriegen möchte, begnüge ich mich mit einer 8 oder 9!



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