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Antisemitismus und Alternative Geschichte

Von Professor Moshe Sharon *
Der Hass auf das Judentum und die Juden ist ein Werk des Intellekts. Die unerschütterlichen Grundlagen dazu wurden in antiker Zeit von Historikern, Schriftstellern, Dichtern, Philosophen und Künstlern gelegt, lange bevor das Christentum die theologische Dimension hinzufügte. Seither hat dieser Hass unaufhörlich weiter gewirkt und wurde zu dem einen permanenten Element, das die Juden durch die Geschichte hindurch begleitet hat.
Der im hellenistischen Ägypten entstandene intellektuelle Antisemitismus weist zwei Hauptaspekte auf, die Hand in Hand gehen; der eine ist die Erfindung einer alternativen (oder für die Juden, der andere ihre Beschreibung als minderwertige Menschen, die schmutzig sind, Krankheiten verbreiten und voller Hass auf die Menschheit und die Götter sind.
Die alternative Geschichte erklärt die historischen Aufzeichnungen des betreffenden Volkes zu Fälschungen und präsentiert ihre eigene Version als die einzig richtige. Diese von den Antisemiten Ägyptens im 3. Jahrhundert v.Chr. begründete Methode wurde bis in die Gegenwart fortgeführt. Im Verlauf der Geschichte kam es zu einigen Höhepunkten, wie beispielsweise die Schriften einiger Kirchenväter oder einer Reihe von muslimischen Historikern und Theologen im Mittelalter, Voltaires (1694-1778) Essay über die Juden im Dictionnaire Philosophique, Die Protokolle der Weisen von Zion, sowie Hitlers Mein Kampf, bis das Vorgehen in arabischen Büchern, auf zahlreichen Websites und in vielen Publikationen, in denen der Holocaust geleugnet wird, zu einem Gemeinplatz wurde.
Die Negation des Holocausts gilt als das jüngste und arroganteste Beispiel für alternative Geschichte, als die Quintessenz des Antisemitismus in der Moderne. Die Negationisten kennen die Wahrheit, da es kaum ein geschichtliches Ereignis gibt, das besser dokumentiert ist als der Holocaust. Dennoch bemühen sie sich, die Nazis von jeder Schuld freizusprechen, und schieben die Verantwortung auf die Opfer, indem sie die Vernichtung von 6'000'000 Juden als das Resultat einer jüdischen Verschwörung darstellen. Mahmud Abbas (mit Kampfnamen "Abu Mazen"), der gegenwärtige Liebling der Palästinenser, gehört auch zu ihnen. 1982 erhielt er für seine Dissertation zum Thema "Geheime Beziehungen zwischen den Nazis und dem Zionismus" den Doktortitel von der Lumumba Universität in Moskau; diese Arbeit enthielt alle Elemente der Holocaust-Negation (in vielen westlichen Ländern ein Verbrechen, für das man ins Gefängnis wandern kann).
Die erste uns bekannte alternative Geschichte für die Juden wurde in Alexandria vom ägyptischen Priester Manetho verfasst, der seinen griechischen Lesern eine Antwort auf die biblische Exodus-Geschichte liefern wollte, mit dem expliziten Ziel, die Juden zu verunglimpfen. Gemäss der alternativen Geschichte von Manetho waren die Juden nichts anderes als eine Gruppe von 80'000 Leprakranken, die sich auflehnten, Ägypten an sich rissen und während ihrer zehnjährigen Herrschaft Tod und Verwüstung ins Land brachten. Ihr Anführer war Osarseph, ein Priester aus Heliopolis. Nach dreizehn Jahren im Exil kehrte der ägyptische König zurück, tötete die meisten Juden und vertrieb die anderen aus dem Land, wobei er sie bis zu den Grenzen Syriens verfolgte.
Manethos Geschichte sollte jedes positive Element in Bezug auf die Juden ausradieren. Die Juden beschrieben Joseph als einen weisen Regenten, der Ägypten vor dem Verderben rettete, doch Manetho machte ihn als Antwort darauf zu einem abtrünnigen ägyptischen Osiris-Priester (daher sein Name Osarseph), der Ägypten in den Ruin trieb. Die Juden sahen sich selbst als Volk, Manetho beschrieb sie als Furcht erregenden Mob von Leprakranken. Die Juden berichteten, G'tt habe sie aus Ägypten geführt, Manetho versicherte, sie seien vertrieben worden.
Manethos "Geschichte" und die unzähligen Schauermärchen über Juden, die von seinen Kopisten und Nachfolgern verbreitet wurden, zeichnen sich durch eine Mischung von Hass und Angst aus. Später schufen muslimische klassische Historiker ebenfalls ihre eigenen Versionen einer jüdischen alternative Geschichte. Doch im Gegensatz zu ihren Vorgängern wurde ihre Haltung gegenüber den Juden von Hass geprägt, der auf Verachtung und weniger auf Angst beruhte. Sobald jedoch die Muslime mit dem europäischen Antisemitismus in Berührung gekommen waren, übernahmen sie die westliche Beschreibung der Juden als Verkörperung des Bösen an sich, sowie des Judentums als blutrünstige Religion, deren Anhänger die Welt mit Satans Hilfe unterwerfen wollten. Daher bestand der Hass der Muslime auf die Juden von nun an aus Angst und Verachtung zugleich.
Die Blut-Verleumdung, die ruchlose und gruselige Lüge des christlichen Europas in Bezug auf die Juden, wurde sofort erfolgreich in das islamische antisemitische Denken und Handeln integriert.
Der erste Fall von Blut-Verleumdung der Moderne unter islamischer Herrschaft war die "Damaskus-Affaire". 1840 wurden die Juden von Damaskus angeklagt, einen Ritualmord an einem Kapuzinermönch begangen zu haben. Weit davon entfernt, diese falsche Anschuldigung umgehend abzulehnen, schenkte ihr Ratti Menton, der französische Konsul in Damaskus, zunächst Glauben. Mit der Unterstützung der französischen Regierung führte er persönlich zusammen mit dem muslimischen Gouverneur die "Ermittlungen" in diesem Fall durch. Die gesamte jüdische Gemeinschaft wurde als Geisel genommen, man verhaftete ihre Anführer, einige von ihnen wurden gar zu Tode gefoltert, bis endlich ein weltweiter Aufschrei der Entrüstung dem Ganzen ein Ende setzte. Ratti Menton jedoch glaubte bis an sein Lebensende nicht an die Unschuld der Juden.
Der Vorwurf des Ritualmordes gegenüber den Juden wurde unter den muslimischen Intellektuellen zu einem beliebten Thema und bald zum Hauptanklagepunkt jeder antisemitischen muslimischen Propaganda. Die Damaskus-Affaire blieb weiterhin aktuell. Bis heute wird sie als Beweis für die Ritualmorde in der jüdischen Religion angeführt. Mustafa Tlas, der syrische Kriegsminister, schrieb seine Dissertation zu diesem Thema und veröffentlichte sie als Buch unter dem Titel The Unleavened Bread of Zion. In diesem Bestseller, der bis 2002 acht Auflagen erreichte, beschreibt er die Damaskus-Affaire mit allen Details und nur einem einzigen Ziel: er möchte damit den Beweis für die Durchführung jüdischer Ritualmorde erbringen. Ratti Menton dient ihm als Beleg für die Wahrhaftigkeit dieser Information.
Arabische Leser verkörpern heute ein begeistertes Publikum für antisemitische Literatur, sei sie nun ursprünglich auf Arabisch verfasst oder aus anderen Sprachen übersetzt worden. Dazu gehören u.a. Die Protokolle der Weisen von Zion, eine krude und primitive antisemitische Lügengeschichte aus Russland sowie Adolph Hitlers Mein Kampf, beides Bestseller und Pflichtlektüre in der Armee. Das berühmt-berüchtigte Buch von Canon August Rohling, Der Talmudjude, ist die Bibel des modernen muslimischen Historikers. In den frühen 1880er Jahren veröffentlichte Rohling, Professor an der Karls-Universität von Prag, ein wertloses antisemitisches Werk, von dem er behauptete, es beruhe auf dem Talmud, und das er aufgrund früherer Publikation ähnlicher Art adaptiert hatte. 1885 bezichtigten europäische Gelehrte Rohling der Fälschung, Lüge und Ignoranz. Er musste in der Folge von seinem Lehrstuhl an der Universität abtreten. Muslimische Autoren lassen sich von solchen Lappalien aber nicht sonderlich beeindrucken. Für sie gelten die Schriften von Rohling, die Protokolle, Hitler, Tlas, Abu Mazen und ähnliche Werke als die authentische Literatur zu den Juden und zum Judentum. Alle anderen Quellen fallen unter die Rubrik "jüdische (zionistische) Verschwörung".
Nachdem sie die Anklage des Ritualmordes gegenüber den Juden fraglos als die reine Wahrheit akzeptiert hatten, entpuppte sich die Phantasie der muslimischen Autoren als ganz besonders kreativ. Sie weiteten die Bandbreite der Opfer von den christlichen auf palästinensische und andere Kinder aus und fügten zum ungesäuerten Pessachbrot auch die Purimkuchen hinzu.
Die Gründung des israelischen Staates und die wiederholten Niederlagen der arabischen Armeen verstärkten einerseits die mythische Furcht der Muslime vor den Juden, liessen aber andererseits auch das dringende Bedürfnis nach einer plausiblen Erklärung entstehen, um das Gesicht wahren zu können. Dies übernahmen prompt Bücher wie die Protokolle und Mein Kampf, in denen die jüdische Verschwörung zur Übernahme der Weltherrschaft dargelegt wurde. Die Informationen in diesen Werken bestätigt ihre Ängste und liefert eine Erklärung für ihre Fehler. Sie fühlen sich nicht mehr allein, sondern gehören weltweit einer grossen Gruppe von Opfern an, die der menschheitsbedrohenden Gefahr durch das internationale Judentum, die Feinde G'ttes, ausgesetzt sind.
Wie schon in der europäischen antisemitischen Literatur gibt es auch in den muslimischen Entsprechungen nur wenige Variationen. In Hunderten von Büchern werden dieselben Parolen wiederholt, unzählige Karikaturisten nehmen, unter dem direkten Einfluss der Nazi-Cartoons (die noch primitiver ausfallen), dieselben Zeichnungen des hässlichen, unmenschlichen und bösartigen Juden wieder auf. Die nachfolgende zufällige Auswahl von Beispielen aus der umfangreichen Literatur muss zur Veranschaulichung ausreichen.
Anis Mansur, ein ägyptischer Autor und enger Berater der ägyptischen Präsidenten, liefert bei der Beschreibung des verschlagenen "jüdischen Charakters" skrupellos Einzelheiten zur Verwendung von Menschenblut für die Mazzah von Pessach, wobei er sich dabei angeblich auf jüdische Quellen stützt: "Der berühmte jüdische Historiker Josephus hat als erster der ganzen Welt offenbart, dass die Juden das Blut anderer Menschen brauchen, um Mazzen für ihre Feste zu backen. Die Juden schlachten diesen Menschen in der Regel nicht ab. Sie durchbohren meist nur den Schädel und dann das Herz und trinken das Blut aus dem Kopf und dem Herzen zusammen; danach werfen sie die Leiche irgendwo weg." Josephus sagte genau das Gegenteil, als er die Juden gegen die griechischen Antisemiten verteidigte. Doch Mansur weiss, dass seine Leser nach seinen Worten gieren, deren Glaubwürdigkeit niemand anzweifelt.
Während des Zweiten Weltkriegs kollaborierte der Mufti von Jerusalem, Hadschi Amin al-Husseini, unterstützt von anderen muslimischen Anführern, mit den Nazis und reiste nach Berlin, um ihrem Propaganda-Apparat Nahrung zu verschaffen. Er bereitete auch eine Streitkraft für die Teilnahme an der "Endlösung" der Nazis für die Judenfrage vor. Muslimische Antisemiten verdrehen diese Tatsache ins Gegenteil. Der Vergleich der Juden mit den Nazis ist als wesentlicher Aspekt in die islamische alternative Geschichte eingegangen und wurde zu einem Hauptthema in Talkshows, einem Schlüsselbegriff in der antiisraelischen Propaganda und einem häufigen Motiv der primitiven arabischen Karikaturen. Im Buch O, Moslems the Jews are Coming behauptet Muhammad 'Abd al-'Aziz Mansur, dass die Juden sich nicht von den Nazis unterscheiden; er schreibt ihnen schreckliche Grausamkeiten zu: Ermordung von Babys, Erdolchen von schwangeren Frauen, Folterung und Vergewaltigung nichtjüdischer Frauen usw.
Im Jahr 1985 veröffentlichte König Fahd von Saudi-Arabien im belibten Wochenmagazin aI-Musawwar folgende Beobachtungen und Erinnerungen an Israel und die Juden: "Israel hegt seit alter Zeit böswillige Absichten. Sein Ziel ist die Zerstörung aller anderen Religionen. Die Geschichte beweist, dass es Israel war, das zur Zeit Saladins die Kreuzzüge anzettelte, so dass der Krieg sowohl die Muslime als auch die Christen schwächen würde. Die Juden sehen andere Religionen als minderwertig an im Vergleich zur eigenen, andere Menschen stehen unter ihnen. Und was die Rache angeht, so mischen sie an einem bestimmten Tag das Blut von Nichtjuden unter ihr Brot und essen es. Als ich vor zwei Jahren Paris besuchte, entdeckte die Polizei fünf ermordete Kinder. Man hatte sie ausbluten lassen und es erwies sich, dass einige Juden sie ermordet hatten, um ihr Blut in das Brot zu mischen, das sie an jenem Tag assen. Dies beweist das Ausmass ihres Hasses und ihrer Böswilligkeit gegenüber nichtjüdischen Menschen."
In einer anderen Quelle wird die "jüdische Gewohnheit" diskutiert, "Kinder zu ermorden, was in der Vergangenheit auf die Verwendung von Kinderblut durch jüdische Magier zurückzuführen ist", sowie die "Gewinnung von Blut nichtjüdischer Kinder für die Herstellung von ungesäuertem Brot (fatir) an Pessach". Er behauptet ebenfalls, die Juden würden "die Brunnen vergiften und Geld fälschen"; diese beiden Anschuldigungen gegenüber Juden waren über Jahrhunderte in Europa weit verbreitet.
Dr. 'Abd al-Halim Mahmud, Rektor der berühmten al-Azhar Universität, schrieb in seinem Buch Holy War and Victory: "Die Juden haben ein Programm zur Vernichtung der Menschheit durch Unterwanderung von Religion und Ethik aufgestellt. Sie haben bereits begonnen, dieses Programm umzusetzen, und zwar mit Hilfe ihres Geldes, ihrer Kontrolle der Massenmedien und ihrer Propaganda. Sie haben Wissen gefälscht, die Wertvorstellungen in Bezug auf literarische Wahrhaftigkeit verletzt und skrupellos versucht, die Menschheit zu vernichten und zu zerstören."
Dr. Salah 'Abd al-Fattah al-Khalidi kommt in seinem Buch The Jewish Personality on the basis of the Koran zum Schluss, dass "die Juden Lügner sind, ausserdem korrupt, neidisch, verschlagen, betrügerisch, tückisch, dumm, verachtenswert, feig und geizig; sie halten Abmachungen und Verträge nicht ein und sorgen auf der Welt für Ungerechtigkeit?" Wer kann derartige Gelehrsamkeit widerlegen?
Sogar die christliche antisemitische Literatur des Mittelalters, so hart sie auch war, kommt nicht an die Heimtücke der arabisch-islamischen antisemitischen Literatur und die darauf basierende alternative Geschichte der Juden heran. Die umfangreiche antisemitische Literatur der Araber entspricht einem Bedürfnis und einer Nachfrage. Sie beschreibt die Juden als dämonische Wesen und legitimiert dadurch ihre Vernichtung. Aus diesem Grund ist der moderne islamische Antisemitismus ideologisch gesehen noch schlimmer als der Judenhass der Nazis.

* Professor Moshe Sharon, weltweite Koryphäe für die arabische Sprache und Kultur und Professor für islamische Geschichte an der hebräischen Universität in Jerusalem.


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